Glarner Urkraft und Bergseezauber

Rauer Glärnisch, magische Ambiance, geheimnisvolle Kavernen: Ein Besuch im Glarnerland sorgt für bleibende Eindrücke. Trotz Nähe zum Mittelland: Ausflügler und Touristen hat es wenige.

Nirgends lassen sich flache Steine so schön übers Wasser schiefern wie auf dem spiegelglatten Klöntalersee. Nirgends sonst ist das Echo prägnanter. Die Felswände sind steil und ausser einem Postauto oder ab und zu einem Motorboot hört man nichts. Weit oben thront der Glärnisch, und über dem See zieht Nebel auf. Der Stopp an einer Feuerstelle am Ufer ist ein Muss.

Das Klöntal steht für magische Stimmungen, dramatische Wetterumschwünge, raue Berge, und trotz Nähe zu Zürich – in einer Stunde ist man hier – hält sich der Besucherandrang in Grenzen. Typisch Glarnerland: Die Region wartet mit zahlreichen Trümpfen und unerwarteten Erlebnissen auf, doch auf der touristischen Landkarte steht das Glarnerland im Schatten der Zentralschweiz oder Graubündens. Gerade mal 127 000 Hotelübernachtungen verzeichnete der Kanton Glarus im letzten Jahr – in Graubünden waren es zum Vergleich 40-mal mehr, nämlich 5 Millionen. Entsprechend geringer ist das Marketingbudget, leiser das Buhlen um Gäste. Der Idylle im Klöntal schaden die fehlenden Massen aber nicht.

Vom Schiefern im Klöntal zum Schiefer im Sernftal: Stopp in Engi beim stillgelegten Landesplattenberg. Klassische Musik hallt durch das einstige Schieferbergwerk, Scheinwerfer beleuchten die Stollen und Kavernen. Bis 25 Meter hoch sind die von Menschenhand ausgehöhlten Räume. Im Schiefer eingelagerte Fossilien zeugen von der Urzeit. 11 Grad sind es hier drin das ganze Jahr. Seit über 400 Jahren wurde Schiefer abgebaut, bis 300 Meter weit in den Berg hinein reichen die Stollen. Seit 1961 ist die Suche nach dem Schwarzen Gold eingestellt, das vielen Familien das Überleben in der kargen Berglandschaft ermöglichte. Die Schufterei in den Stollen forderte ihren Tribut, Staublungen führten bei vielen Arbeitern zum Tod.

Heute lockt nach aufwendiger Instandstellung der Landesplattenberg mehrere tausend Besucher im Jahr an. Hans Rhyner, Leiter der Stiftung Landesplattenberg, wirft vor dem Plattenstübli beim Stolleneingang den Grill an und kehrt zehn Steaks. Bei Gruppen ist die Stollenbesichtigung sehr beliebt, auch dank der kulinarischen Abrundung.

Unten im Tal in Elm öffnet Rhyner die Schiefertafelfabrik, die heute ein Museum ist. Als ob hier gestern noch gearbeitet wurde: die Werkzeuge liegen auf den Arbeitstischen und nach dem Drehen des Schalters beginnen die Maschinen und Schleifen zu rattern. Hier wurden Tausende Schreibtafeln für Schüler hergestellt. Doch der Schieferabbau, wie im Museum im Detail und gut bebildert zu erfahren ist, führte zum Elmer Bergsturz. 114 Menschen kamen am 11. September 1881 ums Leben.

Maja Kobi, Geschäftsstellenleiterin der Ferienregion Elm und Geoguide, öffnet das Besucherzentrum des Unesco-Welterbes Sardona, gleich neben der Dorfkirche. Sie schildert in eindrücklicher Weise das geologische Phänomen der Glarner Hauptüberschiebung. An Bildschirmen und Infotafeln, aber auch beim Blick aus dem Fenster sind die markanten Linien unterhalb der Tschingelhörner erkennbar. Bei der Entstehung der Alpen hatten sich 250 bis 300 Millionen Jahre alte Verrucano-Gesteine auf viel jüngere, 30 bis 50 Millionen Jahre alte Flysch-Gesteine geschoben.

Am 30. September und 1. Oktober um jeweils 9.32 Uhr ist es wieder so weit: Dann scheint die aufgehende Sonne durchs Martinsloch genau auf die Kirche von Elm. Die Erscheinung dauert zweieinhalb Minuten, dann verschwindet sie, um zehn Minuten später endgültig aufzugehen. Bei dunstigem Wetter sieht man das Sonnenlicht kurz vor und nach dem direkten Scheinen als fünf Kilometer langen Strahl.

Keine Erscheinung, sondern in wahrhaftiger Gestalt steht Vreni Schneider vor der Kirche. Die dreifache Olympiasiegerin hat nach dem Friedhof-Besuch noch Unkraut in der Hand. Sie freut sich über einen Schwatz und erzählt vom Leben mit ihrer Familie und den zwei Buben, die sie gleich bekochen wird. Beim Blick zurück auf ihr Leben im Ski-Weltcup, sagt sie, dass es damals «nuch» ruhiger zu und herging. Heute betreibt sie mit ihrem Gatten ein Sportgeschäft und eine Skischule – und lässt durchblicken, es sei schade, dass in einem so kleinen Skiort wie Elm zwei Skischulen in Konkurrenz stünden.

Über den Tschingelhörnern ziehen dunkle Wolken auf, das Martinsloch ist nicht mehr zu sehen. Der garstige Sommer 2014 hat auch das Glarnerland nicht verschont. Gerade als Tagesausflugs-Destination kommt gutem Wetter hier eine grosse Bedeutung zu.

Um den touristischen Erfolg im Kanton zu steigern, agiert das Glarnerland Produktmanagement seit zwei Jahren mit zahlreichen Ideen, um die reizvolle Bergwelt bekannter zu machen. Mit sogenannten Glarner Quickies werden etwa Gäste auf die Alp gelockt, um den Älplern zuzuschauen oder um eine Auszeit zu nehmen. Künftig sollen aber auch vermehrt Übernachtungsgäste ins Glarnerland kommen. Gründe für einen Besuch, ob im Winter oder Sommer, gibt es jedenfalls viele – und magische Momente sind im Glarnerland inklusive.

(Schweiz am Sonntag, 7. September 2014)

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