Jedes zweite Reisebüro hat dichtgemacht

Der Verkauf von 08.15-Pauschalreisen und Flugtickets hat sich mehrheitlich ins Internet verlagert. In zwölf Jahren ist die Anzahl Reisebüros von 2309 auf 1269 abgesackt. Kriegen die verbleibenden Agenturen die Kurve?

Die Reisebüro-Branche dümpelt, das Geschäft mit Flugtickets und Pauschalarrangements läuft zunehmend auf dem Internet-Kanal an ihr vorbei. Nicht die ganze Tourismus-Branche leidet – insgesamt weist der Ferien- und Geschäftsreiseverkehr deutliche Pluszahlen aus –, doch die Abschlüsse an Schweizer Reisebüro-Schaltern sind in den letzten 12 Jahren deutlich zurückgegangen. 45 Prozent der Schweizer Reisebüros haben dichtgemacht.

Der einst betonierte Vertriebsweg zerbröselt. Der sah lange Zeit so aus: vom Leistungsträger (Airline, Hotel) via Touroperator (Kuoni, Hotelplan, TUI – sie kaufen die Leistungen ein und präsentieren sie in einem Katalog mit fixer Preisliste) via Reisebüro (diese buchen die Katalogangebote und erhalten zwischen 10 und 13 Prozent Kommission) zum Konsumenten, der am Reisebüro-Schalter sitzt. Die Online-Buchungsmöglichkeiten haben diese herkömmliche, vierstufige Distribution im Bereich Pauschalarrangements und Flugtickets ausgehebelt. Airlines vertreiben heute 40 bis 50 Prozent online. Pauschalarrangements ab der Stange werden von spezialisierten Online Travel Agents wie Travel.ch, Ab-in-den-Urlaub.ch oder Expedia.de verkauft.

Und neue Reisebüros gibt es nicht. Vor drei Jahren hatte Kuoni innovationsfreudig das auf junge Reisende ausgerichtete Reisebüro Meine-Agentur.ch ins Leben gerufen. Per Casting wurde die Crew erkoren, medial ausgeschlachtet und in Social-Media-Kanälen gehypt. Ein Schuss ins Leere. Seit August prangt ein «Geschlossen»-Schild an der Eingangstüre in Zürich-Wiedikon.

Reisebüros haben nur noch eine Überlebenschance, wenn sie mit einer hohen Beratungsqualität aufwarten können. Vielbereiste Kunden lassen sich nur noch mit Top-Know-how, den besten Deals und Mehrwert (privates Treffen mit VIPs, nächtlicher Besuch der sixtinischen Kapelle, rare Veranstaltungstickets, etc.) bei Laune halten.

Hoffnung gibt der Branche derzeit eine aktuelle Studie der Allianz Global Assistance, aus der eine gewisse Internet-Müdigkeit hervorgeht. Berücksichtigten 2010 nur noch 15 Prozent der Alterskategorie der 26- bis 39-Jährigen mindestens einmal im Jahr ein Reisebüro, lag der Wert im vergangenen Jahr wieder bei 19 Prozent. Und auch bei den 40 bis 64-Jährigen stieg dieser Wert von 19 auf 24 Prozent wieder an.

Kuonis Vertriebschef Gianni Mocetti verfolgt diese Entwicklung mit Genugtuung: «Viele Leute haben es satt, stundenlang im Internet zu surfen, um bei der Buchung dann unsicher zu sein, ob sie nun das Passende oder preislich Beste gefunden haben.» Und Mocetti verweist auf die Ereignisse im Frühling 2011, als der isländische Vulkan Eyjafjallajökull halb Europa und die Atlantik-Routen lahmlegte. «Wer damals bei einer Airline direkt oder im Internet gebucht hatte, musste lange ausharren, um über das weitere Vorgehen informiert zu werden. In den Händen eines Reisebüros passiert das nicht. Dieser Service-Vorteil beginnen die Leute wieder zu schätzen.»

Der komplette Artikel, erschienen im „Sonntag“ vom 21. Oktober 2012.

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