App auf den Dom von Florenz

(Schweiz am Sonntag, 12. Oktober 2014)

Google avanciert von einer Suchmaschine zum Assistenten und Tourguide. Die Anzahl cleverer Apps und Reiseservices wächst. Ein Test in der Toskana.

Der Minibus-Fahrer drückt aufs Gas, rast im Florentiner Morgenverkehr vom Flughafen ins Stadtzentrum. Eine Bemerkung auf Italienisch wäre angebracht. Die Übersetzungs-App «Google Translate», eingestellt auf deutsch/italienisch, hilft. Das Mikrofon wird angetippt: «Bitte fahren Sie langsamer, wir haben ein bisschen Angst.» Die Übersetzung folgt sekundenschnell, akustisch gut verständlich: «Si prega di guidare lentamente, abbiamo un po’ paura.» Er lacht und nimmt den Fuss vom Pedal.

Zwei Dutzend Journalisten aus Mittel- und Nordeuropa treffen in Florenz ein. Google stellt die reiserelevanten Apps und Reise-Services in der Praxis vor. Keine andere Stadt könnte dafür geeigneter sein, die Dichte an Sehenswürdigkeiten ist enorm, die Schönheit des Hinterlandes ebenso. Die fünf deutschsprachigen Teilnehmer richten kurzerhand einen gemeinsamen Hangout ein.

Die Gruppenchat-Funktion ermöglicht den sofortigen Austausch von Kurztexten, Bildern und Videos – auch für Videochat-Konferenzen mit bis zu zehn Teilnehmern eignen sich Hangouts.

Um den Ponte Vecchio herum drängen sich die Touristen, die Spiegelung der Bogenbrücke im Arno zieht jeden Hobbyfotografen in den Bann. Mit der erweiterten Android-Foto-App, die mit einigen verrückten Spielereien aufwartet, erst recht. So lässt sich mit der Funktion «Photo Sphere» ein Rundum-Bild konstruieren, wie aus einer Luftblase heraus. «Fokuseffekt» erlaubt das Spiel mit der Schärfentiefe – ein Gelato in der Hand, und im Hintergrund ist verschwommen der Ponte auszumachen.

Den Kopfhörer ans Android-Phone angeschlossen und die Sprachausgabe der App «Field Trip» aktiviert, gehts durch die Gassen – wie ein persönlicher Reiseleiter kennt Field Trip die in der Nähe liegenden interessanten Orte und säuselt die wichtigsten Infos ins Ohr.

Vor dem Dom gehen die Blicke hoch zur Kuppel. Jetzt kommt «Google Now» zum Einsatz. Mit einer Hand am Gelato lässt sich die App bedienen, akustisch aktiviert mit «ok google», dann die Frage: «Wie hoch ist der Dom von Florenz?» Die gesprochene Antwort folgt sogleich: «114 Meter». Kann iPhones Siri mithalten? In diesem Fall nicht. Siri sagt bloss: «Ich habe das hier im Internet gefunden», um einen Wikipedia-Link der Italienischen Republik anzuzeigen. Auch der gedruckte Marco-Polo-Reiseführer hinkt hinterher: Nach drei Minuten suchen und lesen weiss man zwar, dass 463 Stufen hinauf in die Kuppel führen, die Höhenangabe sucht man aber vergeblich.

Perfekt sind die neuen Android-Reiseapps aber auch noch nicht, naturgemäss weisen sie einige Kinderkrankheiten auf. Im Google Play-Store beklagen sich Nutzer über häufige Abstürze, wenn sie «Photo Sphere» aktivieren (Empfehlung: die jüngste Android-Version 4.4.4. und alle Updates laden). Und bei der Navigation mit Google Maps muss man oft zweimal hinhören, wenn italienische Strassennamen unverständlich ausgesprochen werden.

Die Navigation führt trotzdem einwandfrei 35 Kilometer südlich von Florenz zum Weingut Villa Vignamaggio. Via Hangout treffen die Meldungen und Bilder ein – «Ich hab das schönste Zimmer!», «Wann gehts zum Apéro?».

Im Park des Weinguts gehen die Foto-Spielereien in der Abendsonne weiter. Ist die Funktion «Automatische Sicherung» aktiviert, sind die Bilder einerseits dauerhaft abrufbar, auch wenn das Smartphone verloren geht. Zudem lassen sich anhand weniger Einzelbilder kurze Animationen erstellen, ebenso Collagen oder ganze Storys.

Gabriele Bertaccini gesellt sich zum Apéro. Der junge italienische Event-Koch verfügt auf Youtube über eine grosse Fangemeinde. Im Garten lässt er sich via «Translate»-Funktion interviewen, das funktioniert gut. Und seine Anweisungen und Tipps beim anschliessenden Team-Kochen ebenso.

Mit «Translate» lassen sich übrigens auch geschriebene Worte und Sätze in 70 Sprachen übersetzen, sei es von einem Strassenschild oder einer Speisekarte. Man fotografiert eine Textstelle, streicht mit dem Finger über die gewünschten Worte – und die Übersetzung erfolgt.

Google avanciert also von der Suchmaschine zum vielseitigen Assistenten. Gerade auf einer Reise, deren Bilder man festhalten will und auf der viele Fragen zu Objekten und Sprache auftauchen, überzeugen die erweiterten Apps. Noch gilt es aber, wegen hoher Roaming-Gebühren, aufzupassen. WLAN gibt es meist nur im Hotel. Eine lokale SIM-Karte kann die Lösung sein. Doch bald – 2015? – werden auch zahlbare europaweite Daten-Abos auftauchen.

Maps
Google ist daran, die weltweit beste Karte zu verfassen. Es kommen immer mehr öffentlich zugängliche Innenräume dazu, etwa Museen oder Hotels. Mit sprachgeführter GPS-Navigation führt Google Maps ans Ziel. Um Datenvolumen zu sparen, lassen sich gewünschte Kartenausschnitte aufs Smartphone herunterladen. Dank Crowdsourcing erfasst Google Maps zudem aktuelle Stausituationen.

Google+ Fotos
Die erweiterte App Google+ Fotos vereinfacht das Abspeichern, Verwalten und Teilen von Bildern und Videos. Mit wenigen Klicks können Alben erstellt werden. Für Bewegtbilder, Panoramas und kreative Bilder mit Spezialeffekten gibt es zahlreiche Optionen. Mit der Siche rung «Nur über WLAN» werden die Fotos nicht schon unterwegs, sondern erst später im Hotel hoch geladen.

Translate
Die Übersetzungsfunktion beinhaltet bereits 70 Sprachen, von Albanisch bis Zulu. Zumindest deutsch/italienisch/- englisch funktioniert, wie der Florenz-Test gezeigt hat, beeindruckend gut. Gesprächspartner können das Telefon hin- und herreichen und so ein annähernd normales Gespräch führen. Das funktioniert auch ohne Internet-Verbindung, wenn man das gewünschte Sprachpaket heruntergeladen hat.

Now
Google Now ist der persönliche Assistent. Flug- und Hotelinformationen sind darauf gespeichert. Zu Hause taucht die Meldung auf, dass es Zeit ist, sich auf den Weg zum Flughafen zu machen. Unterwegs werden automatisch ein Währungsrechner, hilfreiche Sätze in der Landessprache und nützliche Reise karten geladen. Und die Sprachsuche verhilft zu praktischen Antworten unterwegs.

Field Trip
Diese App ist ein Reiseführer. Befindet man sich in der Nähe eines interessanten Ortes, werden eine Karte und die entsprechenden Informationen angezeigt. Über den Kopfhörer erklärt Field Trip die Sehenswürdigkeit. Die App ist angereichert mit geschichtlichen Daten und Tipps zum Shoppen, Essen und zur Unterhaltung. Wem das Gepiepse zu häufig erklingt, kann die Frequenz der Meldungen reduzieren.

Hangout
Ist man in einer Gruppe unterwegs oder will man Familie oder Freunde zu Hause live über die Reiseerlebnisse informieren, eignet sich diese Chat-Funktion, die dem sozialen Netzwerk Google+ angegliedert ist. Ein Hangout kann öffentlich stattfinden, maximal können zehn Leute aktiv teilnehmen. Während der Reise sorgen Gruppenunterhaltungen – angereichert mit Fotos oder Emojis – jedenfalls für grossen Spass.

Dieser Beitrag wurde unter Reisereportagen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>