Destinationen zieren sich

Auf einer «Tour de Suisse» hatte STC bei den Destinationen die neue Buchungsmaschine beworben. Bisher hat nur Luzern Tourismus angebissen, aber weitere DMO könnten folgen.

Auf einer eigentlichen «Tour de Suisse» hat die Switzerland Travel Centre (STC) AG im vergangenen Jahr bei zahlreichen Destinationen ihre neue Buchungsmaschine beworben. Dass die Firma bisher nur die Luzern Tourismus AG (LTAG) als Neukundin gewonnen hat, obwohl die Buchungsmaschine gute Noten erhält, zeigt: Der Weg zu einer breit abgestützten, «nationalen Lösung» im Online-Vertrieb von touristischen Produkten, als die sich STC anpreist, ist noch weit.

Dabei sollte aufseiten der Destinationsmanagementorganisationen (DMO) ein grundsätzliches Interesse vorhanden sein: Die meisten von ihnen haben zuletzt im Online-Vertrieb gerade von Hotelübernachtungen erhebliche Rückgänge erlebt. Ein Grossteil dieser Buchungen wird nunmehr von Portalen wie Booking, HRS oder Expedia abgewickelt.

José Lamorte, Leiter des Endkundengeschäfts und Mitglied der Geschäftsleitung von STC, hofft, dass in den kommenden Monaten auch Bern Tourismus, Zürich Tourismus und die neue DMO von Lugano als Kunden hinzustossen werden. Zumindest in Zürich gibt man sich zurzeit aber zugeknöpft: «Derzeit können wir noch nichts über ein mögliches neues System sagen», sagt Sprecher Christian Trottmann.

Kein Thema ist die STC-Buchungsmaschine im Wallis und bei Graubünden Ferien (GRF). GRF-Sprecher Gieri Spescha sagt: «Als wir uns vor einigen Jahren entschieden haben, auf das System von Tomas zu setzen, war STC noch nicht so weit.» Es sei kein Entscheid gegen STC, sondern für die E-Plattform von Tomas gewesen. Angesichts der hohen Investitionen sei heute ein Wechsel zu STC kein Thema.

Tessin und Luzern als Kunden und Promotoren von STC

Roland Schegg, an der Fachhochschule HES-SO in Siders Tourismusprofessor, ortet bei bereits getätigten Investitionen ein verbreitetes Hindernis auf dem Weg zur «nationalen Lösung»: «Viele Destinationen haben stark investiert. Die Switch-Kosten wären sehr hoch. Da müsste der Mehrwert doch beträchtlich sein», sagt er.

Dass die Online-Buchungs­lösungen in der Schweiz einem Flickenteppich entsprechen, verdeutlicht eine Studie Scheggs aus dem Jahr 2011, die auch heute noch ihre Gültigkeit haben dürfte: 35 Prozent von 210 DMO arbeiteten mit Tomas, 34 Prozent mit Deskline, das restliche Drittel mit STC, anderen Systemen oder gar keinem. Aber auch neue Systeme wie Inntopia, etwa im Fall von Anzère, halten Einzug. Zu den Tomas-Kunden zählen neben Graubünden unter anderem Basel, Biel, Genf, Montreux, St. Gallen, Fribourg Région, Heidiland und die Waadt.

Ein bisheriger und künftiger Kunde von STC ist Ticino Turismo. «Wir sind daran, unseren Webauftritt komplett zu überarbeiten», sagt Sprecher Omar Gisler. «Auf der neuen Seite werden wir über die neue Buchungsmaschine verfügen. Die Feuerprobe wird im nächsten Jahr erfolgen, wenn von Mai bis Oktober die Weltausstellung in Mailand stattfindet.» Ziel sei es, Bahnreise, Übernachtung und Eintritt via STC buchbar zu machen. Gisler hofft, dass STC dank «besserer Visibilität» unter den Hoteliers grösseren Zuspruch erhalten werde.

Schon seit Mitte Mai arbeitet Luzern Tourismus mit der neuen Buchungsmaschine von STC. «Wir haben seither 800 Buchungen registriert. Das ist gut, denn in den letzten vier, fünf Jahren sind die Online-Buchungen regelrecht eingebrochen», sagt Direktor Marcel Perren. Von den 800 Buchungen seien 40 Prozent online und 60 Prozent über das Call-Center und den Schalter erfolgt. «Das neue System ist schneller und benutzerfreundlicher als das vorhergehende. Und es ist sehr nahe dran an den grossen Plattformen wie Booking», sagt Perren. Vorher seien viel mehr Buchungen während des Buchungsprozesses abgebrochen worden.

Perren begrüsste es, wenn weitere DMO die Buchungsmaschine integrierten: «Es ist wichtig, dass STC sich stetig weiterentwickeln kann. Je mehr Partner mit dabei sind, desto einfacher wird die Finanzierung des Systems und künftiger Weiterentwicklungen.» Denn obwohl die Herausforderung durch Booking und andere Portale bleiben werde, wolle man dem Gast «eine ­Alternative bieten». Derzeit sind auf Luzern.com 60 Hotels aus der Stadt Luzern und 170 aus der ­ganzen Region Vierwaldstättersee verfügbar.

Wie Gisler betont auch Perren die Bedeutung von Grossanlässen: «Die Leichtathletik-EM hat gezeigt, wie erfolgreich das STC-System bei grossen Events einsetzbar ist. Und bei künftigen Grossanlässen, die über eine Region hinaus gehen, wäre es wünschenswert, über eine nationale Lösung zu verfügen.»

Zermatt zeigt mit «Open Booking» weitere Alternative auf

Abgewendet von STC hat sich die DMO Scuol Samnaun Val Müstair. Laut Sprecher Niculin Meyer haben mehrere Partner den Entscheid beeinflusst: «Graubünden Ferien hat mit anderen Destinationen eine E-Plattform erarbeitet, die den gestiegenen Herausforderungen entspricht. Auch seitens von Hoteliers und Ferienwohnungsbesitzern gab es den Wunsch nach einem Wechsel, unter anderem mit dem Ziel einer grösseren Reichweite und Sichtbarkeit. Die Option von Dynamic Packaging, das auch den Verkauf von Ski- oder Badetickets ermöglicht, spielte ebenso eine Rolle.» Zudem erhoffe sich die DMO durch die Anbindung an die E-Plattform von GRF bessere Konditionen bei Verhandlungen mit Portalen wie Booking.

Dass die Frage der Buchungsmaschine aber nicht eine von «entweder-oder» ist, zeigt das Beispiel Zermatt. Dort wurde mit «Open Booking» eine Meta-Suche für Hotel- und Ferienwohnungsverfügbarkeiten eingeführt, die mit Tomas, Reconline, STC und E-Domizil mehrere Buchungsanbieter berücksichtigt.

Somit findet der Gast in Zermatt aus der grösstmöglichen Anzahl an Verfügbarkeiten den besten Preis, und dies in einheitlicher Darstellung. Diese Dachlösung könnte durchaus Schule machen, denn sie eröffnet einer Destination dank offenen Schnittstellen grosse Flexibilität in der Zusammenarbeit mit verschiedenen Portalen und Anbietern. Allerdings: Besonders günstig ist Open Booking nicht: Neben der neuen Website für 250 000 Franken hat Zermatt Tourismus weitere 737 000 Franken investiert.

(Hotelrevue, 11. September 2014)

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